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Arabische Wurzeln der europäischen Wissenschaft

Gerne wird es so hingestellt, dass das griechische Wissen im arabischen Raum gewissermaßen nur überwinterte, um schließlich im Humanismus seinen recht-mäßigen Erben überliefert zu werden. Doch in Bagdad und anderen islamisch geprägten Teilen der Welt wurden die Schriften der Antike nicht nur übersetzt; hier forschten muslimische, christliche und jüdische Gelehrte, zum Teil intensiv gefördert von den muslimischen Herrschern. Sie nahmen griechische, babylonische und indische Einflüsse auf, wodurch eine neue, weltweit führende Hochkultur entstand. Von der Gelehrsamkeit des "Goldenen Zeitalters" profitiert die westeuropäische Kultur bis heute.

Mittwoch, 14.10.2020, 19:00 – 20:30 Uhr

Philosophie in der arabisch-islamischen Welt und in Europa

Dr. Cleophea Ferrari, Lehrstuhl für Orientalische Philologie und Islamwissenschaft der Universität Erlangen-Nürnberg

Mit der Expansion des Islam ab dem 7. Jahrhundert nach Chr. von der Arabischen Halbinsel nach Norden in die hellenistisch geprägten Gebiete erstarkte die Rezeption und Adaption der antiken griechischen Wissenschaften und Philosophie und mündete in eine Übersetzungswelle im 9. Jahrhundert. Philosophische Texte, die damals ins Arabische übertragen wurden, prägten die ganze folgende Philosophiegeschichte der arabisch-islamischen Welt und des lateinischen Westens. Der Vortrag befasst sich mit der Geschichte der Rezeption und Entwicklung von gemeinsamen philosophischen Konzepten und ihren Auswirkungen im Osten wie im Westen.

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Hermannus Alemannus (13. Jh.) bei der Vorlesung; Berlin, Kupferstichkabinett KdZ 1233

Mittwoch, 21.10.2020, 19:00 – 20:30 Uhr

Die Entwicklung der Optik im islamischen Mittelalter

Thony Christie, Erlangen

Zwischen dem 9. und 11. Jahrhundert haben islamische Gelehrte die optischen Theorien des antiken Griechenlands aufgenommen und eine neue Theorie der visuellen Wahrnehmung entwickelt. Diese Theorie kam im 12. und 13. Jahrhundert nach Europa und schuf das Fundament der modernen Theorie der visuellen Wahrnehmung in der wissenschaftlichen Renaissance.

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Struktur des menschlichen Auges nach Ibn al-Haytham (in Europa Alhazen genannt, frühes 11. Jh.); Quelle: Wikimedia Commons

Mittwoch, 28.10.2020, 19:00 – 20:30 Uhr

Die Sonne Apolls über dem Morgen- und dem Abendland. Alte und neue Mythen über die arabische Medizin

Prof. Dr. med. Karl-Heinz Leven, Institut für Geschichte und Ethik der Medizin der Universität Erlangen-Nürnberg

Dass der Orient im Mittelalter eine wesentlich bessere Medizin hatte als der (lateinische) Westen, weiß heute jedes Kind, nicht zuletzt durch den Film „Der Medicus“ von 2013. Doch wie war der arabische Orient zu dieser Medizin gelangt, wo kam sie her, wie entwickelte sie sich und wie wurde sie später im Westen bekannt? Und welche Rolle spielten hierbei Religionen? Und warum interessieren wir uns heute dafür, obwohl es um die eigentlich recht ferne Epoche des Mittelalters geht? Dies sind einige Fragen, die in dem Vortrag erörtert werden. Es zeigt sich, dass in diesem Themenfeld Mythen bis heute eine erhebliche Rolle spielen, Mythen, die durchaus eine Funktion im jeweils aktuellen Diskurs hatten und haben.

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Arabischer Arzt mit Urinschauglas, spätes 12./Anfang 13. Jahrhundert

Mittwoch, 11.11.2020, 19:00 – 20:30 Uhr

Von Azimut bis Zenit – Einblicke in die arabische Astronomie und Astrologie

Dr. Petra G. Schmidl, Internationales Kolleg für Geisteswissenschaftliche Forschung (IKGF) a.d. Universität Erlangen-Nürnberg

Spuren arabischer Traditionen finden sich allenthalben in der modernen Astronomie und Astrologie. Besonders greifbar werden sie in Fachbegriffen und Sternnamen, die ins Deutsche und andere europäische Sprachen Einzug gehalten haben. Ihre Vielfalt und Vielschichtigkeit spiegeln sich darin jedoch nur bruchstückhaft wider. Anhand ausgewählter Beispiele zeichnet „Von Azimut bis Zenit“ Ursprünge und Ausprägungen, Inhalte und weitere Aspekte arabischer Astronomie und Astrologie nach.

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Osmanische Gelehrte bei der Arbeit in der Istanbuler Sternwarte Taqī al-Dīns, Darstellung aus einer Abschrift des Shāhanshāh nāma von Alāʾ al‐Dīn Manṣūr al‐Shīrāzī, 16. Jh., Universitätsbibliothek Istanbul

Mittwoch, 18.11.2020, 19:00 – 20:30 Uhr

Die Alte Welt im Kartenbild: kulturelle Vielfalt in mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Karten Europas und des Nahen Ostens

PD Dr. habil. Sonja Brentjes, Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte, Berlin

In der großen Erzählung über die Bedeutung der lateinischen Übersetzungen arabischer wissenschaftlicher, medizinischer und philosophischer Texte im Mittelalter für die intellektuelle Blüte europäischer Universitäten und Höfe ab dem 13. Jahrhundert fehlten für eine lange Zeit Geographie und Karten. Arabische Karten des Mittelmeers galten weitgehend als Imitate italienischer oder mallorquinischer Produkte, bestenfalls um einige lokale Kleinigkeiten bereichert. Die von einer Handwerkerfamilie aus Sfax (Tunesien) im 16. Jahrhundert komponierte Weltkarte spricht dagegen eine andere Sprache. Sie bestätigt Forschungsergebnisse zu mittelalterlichen und frühneuzeitlichen lateinischen, italienischen, mallorquinischen, arabischen und türkischen Karten vom 9. bis 18. Jahrhundert: Die Produzenten solcher Bilder arbeiteten mit mündlichen, schriftlichen und künstlerischen Informationen aus unterschiedlichen Kulturen Asiens und Europas, die sie in kreativer Weise miteinander verbanden. Im Vortrag wird diese kulturelle Vielfalt durch ausgewählte Beispiele vorgestellt.

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Anonyme, rechteckige Weltkarte aus Ägypten, ursprünglich aus dem 11. Jahrhundert; MS Oxford, Bodleian Library

Mittwoch, 25.11.2020, 19:00 – 20:30 Uhr

Von Alembiks, Quecksilber und Königen. Arabische Alchemie und ihre Rezeption

Prof. Dr. Regula Forster, Asien-Orient-Institut der Universität Tübingen

Die arabische Alchemie ist zwar im Wesentlichen eine Fortsetzung der griechisch-hellenistischen Alchemie, integriert aber auch chinesische und indische Elemente. Interessanterweise ist die Alchemie im lateinischen Westen – im Gegensatz zu den anderen Wissenschaften – vor den Übersetzungen aus dem Arabischen völlig unbekannt, so dass ihr ein besonderer Rang zukommt. Während traditionell die Alchemie vor allem als Vorform der modernen Chemie, als eine Art Protochemie, studiert oder im Sinn von C.G. Jung als ein Ausdruck psychischer Prozesse verstanden wurde, hat in den letzten Jahren das Interesse an den vielfältigen literarischen Ausdrucksformen und an den sozialen Kontexten der Alchemie deutlich zugenommen. Der Vortrag stellt zentrale Texte, Autoren und Konzepte der arabischen Tradition vor und geht auf ihre Rezeption im lateinisch geprägten Europa ein.

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Ibn Arfa' Ra's, Hall mushkilat shudhur adh-dhahab, Hs. Bethesda, National Library of Medicine, A 65, fol. 81r

Mittwoch, 09.12.2020, 19:00 – 20:30 Uhr

Neue Perspektiven auf die arabische Mathematik und ihr Einfluss in Europa

Prof. Dr. Jan P. Hogendijk, Universiteit Utrecht

Der Vortrag stellt die Geschichte der Mathematik der islamischen Kultur bezüglich ihrer Anwendungen vor, ohne dass das Publikum die nötige Mathematik kennen muss. Astronomen waren die Hauptnutzer fortgeschrittener Mathematik und es werden ihre Berechnungen und geometrische Arbeit betrachtet. Das Bild zeigt ein von Allahdad im 16. Jahrhundert in Lahore hergestelltes Astrolabium. Es kombiniert Mathematik und Kunst: Die Spitzen der Blätter sind stereographische Projektionen der Sterne und hinter dem Netzwerk sieht man eine Reihe von fast parallelen Kreisen auf der Himmelssphäre, die mit sehr hoher Genauigkeit konstruiert wurden. Anwendungen waren auch wichtig für die Übermittlung mathematischer Methoden aus der islamische Welt ins mittelalterliche Europa. Waren islamische Gelehrte die mathematischen Lehrer der mittelalterlichen Christen?

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Vorderseite eines Astrolabiums von Al-Sahl al-Nisaburi, Hama (Syrien) 1178/1191 oder 1284/1299; heute im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg/Wikimedia Commons

Mittwoch, 16.12.2020, 19:00 – 20:30 Uhr

Östliche Mechanik auf dem Weg nach Europa zur Zeit der Kreuzzüge

Prof. Dr. Dietrich Lohrmann, Lehrstuhl für Mittlere Geschichte und Historisches Institut der RWTH Aachen

Die arabischsprachigen Traktate zur Mechanik des Mittelalters sind leider wenig bekannt, obwohl schon in der Zeit um 1900 der Erlanger Physiker Eilhard Wiedemann sich für alles, was arabische Technik und Naturwissenschaft betraf, interessiert hat. Auf seinen Spuren und gestützt auf neuere Entdeckungen gibt der Referent einen knappen Überblick über technische Handschriften des Orients aus dem 9.-13 Jahrhundert. Die westlichen Ingenieurhandschriften setzen erst später ein. Danach sind Szenen aus der frühen Kreuzfahrerzeit nachzuerzählen und Apparaturen zu erläutern, die später in Westeuropa auftauchen, so u.a. die aus der arabischen Quecksilberhemmung entwickelte westliche Waagbalkenhemmung, ein Grundelement unserer mechanischen Uhren. Die Uhrentechnik wurde nachfolgend in vieler Hinsicht zur Schrittmacherin der europäischen Regelungstechnik, und die Uhrmacher die führenden Techniker schlechthin.

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Quecksilberuhr für König Alfons von Kastilien, um 1270 n.Chr., Rekonstruktion im Museum für Geschichte der Wissenschaft und Technik im Islam, Istanbul (Quecksilberuhr im Internet).

Veranstalter: Bildungszentrum im Bildungscampus Nürnberg, Fachteam Planetarium
Einschreibung Reihe 48 € (BZ-Kurs-Nr. 00 910),
Einzelkarte vor Ort je 8/5,50 € (mit ZAC-Card 5,50 €)
Ort: Nicolaus-Copernicus-Planetarium Nürnberg, Am Plärrer 41, Kuppelsaal
Konzeption: ART & Friedrich e.V. – Verein zur Förderung von Kunst, Theater und Wissenschaft (Thony Christie und Pierre Leich) sowie Dr. Klaus Herzig (Nicolaus-Copernicus-Planetarium); Website: Norman Anja Schmidt
Kooperationspartner: Lehrstuhl Orientalistik Logo
Lehrstuhl für Orientalische Philologie und Islamwissenschaft an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU)
Arabisches Haus Logo
Arabisches Haus Nürnberg e.V.
NHG Logo
Naturhistorische Gesellschaft Nürnberg e.V. (NHG)
Medienpartner: NZ Logo
Nürnberger Zeitung
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