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Wissenschaft unter Druck

Nürnberg als Medienzentrum Europas nach der Erfindung des Drucks mit beweglichen Lettern

Im Jahr 2022 wendet sich die Vortragsreihe der ersten Medienrevolution zu. Die Wiedererfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern von Johannes Gutenberg in der Mitte des 15. Jahrhunderts ist ohne Zweifel eine der größten und einflussreichsten technischen Errungenschaften der menschlichen Geschichte. Es ist in der Wissenschaftsgeschichte unumstritten, dass diese Erfindung eine treibende Kraft hinter der wissenschaftlichen Revolution war. Gerade die Nürnberger Buchdrucker und Verleger Regiomontanus, Anton Koberger, Johannes Petreius und ihre bayerischen Kollegen Erhard Ratdolt und Peter Apian leisteten einen beträchtlichen Beitrag zur frühen Druckgeschichte der mathematischen Wissenschaften.

Mittwoch, 19.10.2022, 19:00 – 20:30 Uhr

Europas erstes Papierzeitalter – eine materielle Geschichte der Frühneuzeit

Prof. Dr. Daniel Bellingradt, Ludwig-Maximilians-Universität München, Professur für die Geschichte der Frühen Neuzeit

Der Vortrag widmet sich der materiellen Grundlage von Informationszunahme und Wissensorganisation im frühneuzeitlichen Europa – dem Papier. Das vielleicht wichtigste Material der neuzeitlichen Kommunikation fehlt bislang in den kulturhistorischen Deutungen zur Epoche Frühe Neuzeit. Dabei wäre ohne Papier, das erst mit eintausendjähriger Verspätung nach der seiner Erfindung (in China) in Europa über arabische Handelskontakte ankommt, sehr wenig in Europa passiert: Ohne Papier wären weder Briefe geschrieben, weder Akten angelegt, weder Druckpublikationen in relevanten Auflagen verlegt worden. Es ist Zeit für eine alternative Geschichte jenes textilen Artefakts, das sich erfolgreich in jede kulturelle Nische Europas seit dem 14. Jahrhundert eingenistet hat.

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Detail aus Kupferstich von Cornelis van Noorden (1767); Stichting het Rijksmuseum, Amsterdam

Mittwoch, 26.10.2022, 19:00 – 20:30 Uhr

Tinte, Papier, Blockdruck – Die Erfindung des Buchdrucks in China und seine Verbreitung in Ostasien

Prof. Dr. Dr. Andrea Bréard, Universität Erlangen-Nürnberg, Lehrstuhl für Sinologie m.d. Schwerpunkt Geistes- und Kulturgeschichte Chinas

Die frühesten Texte wurden vermutlich von chinesischen Mönchen um 600 v. Chr. gedruckt, wobei der erste eine Sammlung buddhistischer Schriften ist, das Diamant-Sutra, das etwa 868 während der Tang-Dynastie erschien. Das Buch, das mehr als 1000 Jahre lang in einer Höhle in der Nähe von Dunhuang im Nordwesten Chinas versiegelt blieb, bevor es im Jahr 1900 entdeckt wurde, wurde im Blockdruckverfahren hergestellt. Ähnliche Methoden wurden zur gleichen Zeit auch in Korea und Japan angewandt und selbst in China noch im 19. Jahrhundert. Die Geschichte des Buchdrucks in Ostasien ist aber nicht nur eine technische, sie ist auch eine politische, die in diesem Vortrag mit hinterfragt wird.

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Der früheste Druck ist eine Sammlung buddhistischer Schriften, das Diamant-Sutra, und erschien etwa 868 während der Tang-Dynastie

Mittwoch, 09.11.2022, 19:00 – 20:30 Uhr

Vom Ablassbrief zur Bibel – Johannes Gutenberg und der Beginn des Buchdrucks in Europa

Prof. Dr. Bettina Wagner, Direktorin Staatsbibliothek Bamberg

Als Johannes Gutenberg (1400–1468) um 1450 den Buchdruck in Europa einführte, traf er den Nerv der Zeit. Die Rahmenbedingungen waren günstig: Papier war leicht verfügbar und der Bedarf an Büchern stieg stetig an. Doch erst Gutenbergs Erfindungsgabe kombinierte vorhandene Techniken zu einem neuen Verfahren, das die mechanische Vervielfältigung von Texten in großen Mengen ermöglichte. Im Vortrag werden Gutenbergs Neuerungen erläutert und die Drucke vorgestellt, die er auf den Markt brachte, von Einblattdrucken wie Ablassbriefen über Kleindrucke wie Kalender und Schulbücher bis hin zur monumentalen zweibändigen Ausgabe der lateinischen Bibel.

Mittwoch, 16.11.2022, 19:00 – 20:30 Uhr

Regiomontanus (1436–1476): der erste wissenschaftliche Verlag

Thony Christie, Spardorf

Im Jahr 1471 kam Johannes Müller, besser bekannt als Regiomontanus, mit einer großen Sammlung mathematischer und astronomischer Manuskripte nach Nürnberg. Um diese Texte zu veröffentlichen, gründete er eine Druckerei im Rahmen eines Programms, die Astronomie zu reformieren. Dies war die erste Buchdruckerei der Welt für mathematische-wissenschaftliche Schriften. Seine erste Veröffentlichung war die "Theoricae novae planetarum" seines Lehrers Georg von Peuerbach, die Nicolaus Copernicus als Lehrbuch für Astronomie benutzte.

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Johannes Regiomontanus in einem Holzschnitt von (verm.) Johann Benjamin Brühl (1691–1763); Wikipedia

Mittwoch, 23.11.2022, 19:00 – 20:30 Uhr

Der Erbe von Johannes Regiomontanus: Erhard Ratdolt – ein innovativer Drucker aus Augsburg

Dr. Hans-Jörg Künast, Mering

Erhard Ratdolt (1447–1527/28) nimmt im Augsburger Buchdruck eine Sonderstellung ein. Er der einzige Augsburger Drucker-Verleger, der mit seinem Geschäft reich wurde. Neben seinem wichtigsten Geschäftszweig, dem Druck von liturgischen Werken für die Kirche, veröffentlichte er zahlreiche naturwissenschaftliche Werke. Schon während seiner Zeit in Venedig (1476–1486) führte er Innovationen (Titelblatt, Mehrfarbendruck) ein, die sich im Laufe der Zeit durchsetzten. Unter seinen venezianischen Drucken ragen die Elementa von Euclides (1482) heraus, das erste illustrierte mathematische Werk. In Augsburg arbeitete er eng mit dem Mathematiker Johannes Engel aus Aichach zusammen. Aus dieser Kooperation gingen zahlreiche naturwissenschaftliche Drucke hervor, darunter Neuauflagen der Werke von Regiomontanus.

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Abbildung aus den "Elementa" des Euclides von Erhard Ratdolt, Venedig 1482; Bayerische Staatsbibliothek (BSB), München, Rar. 292

Mittwoch, 30.11.2022, 19:00 – 20:30 Uhr

Anton Koberger – Europas größter Verleger und Drucker der Schedel’schen Weltchronik

Dr. Christine Sauer, Leiterin der Historisch-Wissenschaftlichen Stadtbibliothek an der Stadtbibliothek im Bildungscampus Nürnberg

Als bedeutendster Buchhändler, Drucker und Verleger der Wiegendruckzeit gilt Anton Koberger (~1440–1513). In einer zu seiner Zeit unerreichten Konsequenz behandelte er das Buch als Ware und kommerzialisierte Herstellung, Ausstattung und Vertrieb. Seine Geburtsstadt Nürnberg bot ihm dazu mit den hier ansässigen Künstlern, Gelehrten und Sponsoren die besten Voraussetzungen. In seiner seit 1489 im Nobelviertel am Egidienplatz gelegenen Offizin beschäftigte er wohl bis zu 100 Mitarbeiter an 24 Druckpressen. Zu den bedeutendsten Buchprojekten Anton Kobergers zählt die Schedel’sche Weltchronik von 1493.

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Geozentrische Kosmologie aus: Hartmann Schedel, "Liber chronicarum", Nürnberg: Anton Koberger, 1493, fol. 5v; Stadtbibliothek Nürnberg

Mittwoch, 14.12.2022, 19:00 – 20:30 Uhr

Johannes Petreius – einer der bedeutendsten Druckerverleger Europas in der ersten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts

Angelika Wingen-Trennhaus, Erlangen

Nicolaus Copernicus ist allgemein bekannt, aber wer kennt den Drucker dieses weltberühmten Werkes "De revolutionibus orbium coelestium", das in Nürnberg gedruckt wurde? Johannes Petreius, der wie bekannt im Haus „Obere Schmiedgasse 10“ wohnte, betrieb mehr als 25 Jahre eine bedeutende Offizin in Nürnberg, die weit mehr als dieses Jahrhundertwerk ans Licht brachte. Der Vortrag gibt einen Überblick über die umfangreiche Produktion.

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Der Nürnberger Drucker Johannes Petreius; Wikipedia

Mittwoch, 21.12.2022, 19:00 – 20:30 Uhr

Auch seine Werke erschienen in Nürnberg: Peter Apian, Wissenschaft und Technik für alle, „ohne Kopf brechen“

Dr. Jürgen Hamel, Archenhold-Sternwarte Berlin

Geboren im sächsischen Leisnig, studiert in Leipzig und Wien, Professor in Ingolstadt, vom Kaiser ernannt zum Pfalzgrafen. Der hochdekorierte Gelehrte verstand jedoch auch die Bedürfnisse städtischer Rechenmeister, Landvermesser und Handwerker. Und so erschien in seiner Druckerei sein "Astronomicum Caesareum" mit ausgeklügelten Systemen drehbarer Scheiben, eines der schönsten Bücher der Druckgeschichte. Apian verfasste die deutsche "Kaufmanns Rechnung" und das "Instrument Buch" für handwerkliche Laien ohne Kenntnisse der lateinischen Sprache. Es war, wie er selbst schrieb, Wissenschaft und Technik „ohne Kopf brechen“. An der berühmten Nürnberger Druckerei des Johannes Petreius kam auch Apian nicht vorbei. Zwei seiner wissenschaftlichen Werke gingen von hier aus in die gelehrte Welt.

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Porträt Peter Apians von dem Kupferstecher Theodor de Bry; Wikipedia

Veranstalter: Bildungszentrum im Bildungscampus Nürnberg, Fachteam Planetarium
Einschreibung Reihe 48 € (BZ-Kurs-Nr. 00 910),
Einzelkarte vor Ort je 8/5,50 € (mit ZAC-Card 5,50 €)
Ort: Nicolaus-Copernicus-Planetarium Nürnberg, Am Plärrer 41, Kuppelsaal;
Kontakt: Arne Zielinski, Jürgen Sadurski
Konzeption: ART & Friedrich e.V. – Verein zur Förderung von Kunst, Theater und Wissenschaft (Thony Christie und Pierre Leich);
Website: Norman Anja Schmidt;
Redaktion Faltblatt: Chriska Wagner
Medienpartner: NZ Logo
Nürnberger Zeitung